Heimatverband Eutin Heimatkunde in Ostholstein
Landeskunde

Eutin und die Region: vom Wasserschloss zur Kreisstadt

Wer verstehen will, warum Eutin so aussieht, wie es aussieht, muss zwei Dinge zusammendenken: die Eiszeit und die Fürstbischöfe. Das eine hat die Seen gemacht, das andere die Stadt.

Orientierung

Eine kleine Stadt mit einer ungewöhnlich dichten Geschichte

Eutin ist Kreisstadt des Kreises Ostholstein und liegt zwischen dem Großen und dem Kleinen Eutiner See, am Rand des Naturparks Holsteinische Schweiz. Auf den ersten Blick eine ruhige Kleinstadt mit Backsteinbauten, alten Alleen und viel Wasser. Auf den zweiten Blick ein Ort, an dem über Jahrhunderte hinweg Landesherren, Gelehrte, Maler und Musiker zusammenkamen, weil hier ein Hof saß.

Diese Doppelnatur prägt bis heute alles. Die Stadt ist klein genug, um zu Fuß erfassbar zu sein, und groß genug in ihrer Überlieferung, um ganze Regale in der Landesbibliothek zu füllen. Für die heimatkundliche Arbeit ist das ein Glücksfall und eine Verpflichtung zugleich, weil die Quellenlage vergleichsweise gut ist und dadurch keine Ausrede für ungenaue Behauptungen bleibt. Mehr zur Arbeitsweise des Vereins finden Sie unter Verein.

Die Geschichte Eutins: Landschaft, Residenz und was davon geblieben ist

Beginnen wir mit dem Untergrund, denn ohne ihn ergibt der Rest keinen Sinn. Die Gegend um Eutin verdankt ihre Form dem letzten großen Vorstoß des Eises während der Weichsel-Kaltzeit. Gletscher schoben Material zusammen, hinterließen Höhenrücken und schmolzen ab, wobei tiefe Rinnen entstanden, die sich mit Wasser füllten. So kamen die Seen der Holsteinischen Schweiz zustande, darunter der Große Eutiner See, der Kleine Eutiner See und der nahe Kellersee. Zwischen den Wasserflächen blieben lehmige, fruchtbare Böden zurück, auf denen sich früh Siedlungen hielten. Wer heute mit dem Rad durch die Feldmark fährt, fährt buchstäblich über eine Landschaft, die eine Eiszeit hinterlassen hat, auch wenn nichts daran spektakulär aussieht.

Auf einer Halbinsel im Wasser entstand später eine Burg, und Wasser war dabei kein Zierrat, sondern Verteidigung. Aus dieser Anlage entwickelte sich über Jahrhunderte das Schloss, das heute das Stadtbild bestimmt. Entscheidend wurde, dass Eutin zum Sitz der Fürstbischöfe des Bistums Lübeck aufstieg. Damit war die Stadt nicht mehr nur ein Marktflecken an einem Handelsweg, sondern Residenz mit allem, was dazugehört: Hofhaltung, Verwaltung, Bauaufträge, Bedienstete, Handwerker, Zulieferer. Ein Hof zieht Menschen an und verändert die Wirtschaft eines ganzen Umlandes. Genau deshalb finden sich in den Dörfern ringsum bis heute Spuren, die man ohne diesen Zusammenhang gar nicht deuten könnte.

Das Schloss und der Garten

Die Vierflügelanlage aus Backstein, wie sie sich heute um einen Innenhof legt, ist in mehreren Etappen gewachsen. Brände, Umbauten und wechselnde Moden haben Spuren hinterlassen, sichtbar an unterschiedlichen Mauerwerksstärken, an zugesetzten Öffnungen und an Details, die nicht recht zueinander passen. Für Besucher ist das ein optischer Reiz, für die Bauforschung ein Glücksfall, weil sich Bauphasen ablesen lassen. Nach dem Ende der geistlichen Herrschaft ging die Residenz an das Haus Oldenburg über, das Eutin über Generationen als Sommersitz nutzte. Die Ausstattung im Inneren, Möbel, Gemälde, Stuck, erzählt von einem Hof, der eher kultiviert als prunksüchtig war. Wer nur die Fassade sieht, verpasst die Hälfte.

Der Schlossgarten davor wurde vom streng geometrischen Barockgarten zum englischen Landschaftsgarten umgestaltet, und diese Wandlung ist typisch für die Zeit um 1800. Statt beschnittener Hecken wollte man Sichtachsen, geschwungene Wege, Baumgruppen und Blicke auf das Wasser. Der See wurde damit vom Hintergrund zum Bestandteil der Gestaltung. Bis heute funktioniert dieses Prinzip: Man geht ein paar Schritte, und die Perspektive ändert sich vollständig. Seit den fünfziger Jahren spielen dort im Sommer die Eutiner Festspiele auf einer Freilichtbühne am Seeufer, was der Stadt eine ganz eigene Sommerroutine gibt. Für die Landesgartenschau im Jahr 2016 wurden die Uferbereiche neu geordnet, wobei sich die Frage stellte, wie viel Veränderung ein historischer Garten verträgt. Solche Debatten begleiten wir als Verein aufmerksam.

Weimar des Nordens: warum dieser Beiname kein Marketing ist

Im späten achtzehnten Jahrhundert versammelte sich in Eutin eine bemerkenswerte Gruppe von Menschen. Johann Heinrich Voß, Rektor der hiesigen Gelehrtenschule, übersetzte Homers Odyssee und Ilias in ein Deutsch, das Generationen von Lesern geprägt hat. Der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, bekannt durch sein Bildnis Goethes in der römischen Campagna, verbrachte seine späten Jahre in der Region und arbeitete für den Hof. Die Brüder Stolberg gehörten zum Umfeld, ebenso Gäste, die auf ihren Reisen zwischen Kopenhagen, Hamburg und Weimar hier Station machten. Und 1786 wurde in Eutin Carl Maria von Weber geboren, dessen Freischütz später zum Gründungswerk der deutschen romantischen Oper wurde. Dass eine so kleine Stadt derartige Namen versammelt, liegt an der Hofstruktur, nicht am Zufall.

Der Beiname vom Weimar des Nordens ist deshalb keine spätere Erfindung von Fremdenverkehrsleuten, sondern beschreibt eine reale Konstellation. Trotzdem lohnt Vorsicht. Solche Etiketten neigen dazu, das Bild einzuebnen, und plötzlich erscheint das ganze achtzehnte Jahrhundert als heitere Gelehrtenidylle. Die Wirklichkeit umfasste auch Abhängigkeit, Armut auf den Gütern, Frondienste, Auswanderung und harte soziale Unterschiede. Wir versuchen in unseren Veröffentlichungen, beide Seiten sichtbar zu halten, weil sonst eine Geschichte entsteht, in der niemand arbeitet und alle dichten.

Die Kulturlandschaft ringsum

Ostholstein ist historisch Gutsland. Große adlige Güter mit Herrenhäusern, Wirtschaftshöfen, Kate- und Tagelöhnerhäusern bestimmten über Jahrhunderte die Struktur, und daran erinnern noch heute Alleen, Torhäuser und die charakteristischen Feldgrößen. Dazwischen liegen Knicks, jene mit Bäumen und Sträuchern bewachsenen Erdwälle, die seit dem achtzehnten Jahrhundert als lebende Zäune angelegt wurden. Sie waren einmal reine Nutzeinrichtung, dienten der Abgrenzung und lieferten Brennholz. Heute sind sie Lebensraum für Vögel, Insekten und Kleinsäuger und stehen unter gesetzlichem Schutz. Wer einen Knick beseitigt oder zu radikal auf den Stock setzt, greift in ein System ein, das sich nur über Jahrzehnte wieder aufbaut.

Ähnlich verhält es sich mit Wegen, Mühlenstandorten, Ziegeleien und alten Fischereirechten an den Seen. Vieles davon ist im Gelände kaum noch erkennbar, aber in Karten, Registern und Flurnamen erhalten. Genau da setzt unsere Arbeit an. Wir gleichen historische Karten mit dem heutigen Zustand ab, wir sprechen mit Landwirten, wir dokumentieren, was verschwindet. Wenn Sie beim Spazierengehen auf etwas stoßen, das Ihnen merkwürdig vorkommt, eine Bodenwelle, ein einzelner Findling, ein Mauerrest im Wald, dann melden Sie sich bitte. Aus solchen Hinweisen sind schon mehrere Untersuchungen entstanden, über die später bei unseren Vortragsabenden berichtet wurde. Die Geschichte dieser Region liegt nicht nur in Büchern, sie liegt draußen.